Pflegenotstand – was ist damit gemeint?

Pflegenotstand – was ist damit gemeint?

Die Massenmedien erzählen uns besorgt ununterbrochen, dass hier in Deutschland ein „Pflegenotstand“ vorhanden ist und ganz sicher in Zukunft nur noch größer und tiefer wird. Was ist eigentlich damit gemeint?

Die Pflege der kranken und alten Angehörigen, sowie die Krankenpflege ist eine längst etablierte gesellschaftliche Branche. Zum einen können die Kapitalisten auf die Frauenarbeitskraft nicht mehr verzichten und das heißt, dass es keine mehr gibt, die zu Hause den gelähmten Vater oder die „senile“ Mutter pflegen kann. Denn solche Pflege erfordert oft genauso viel Aufwand und Zeit wie die Kleinkinderpflege und ist kaum mit normaler Lohnarbeit zu vereinbaren. Frauen müssen auch Geld verdienen, denn mit nur einem Gehalt kann die Familie nicht mehr über die Runden kommen.

Zum anderen verwandelte sich die Altenpflege 1995 mit der Einführung der Pflegeversicherung in eine für die Unternehmen lukrative Branche, wo man ernste Profite erzielen kann. Natürlich, wie immer, durch die Ausbeutung der Arbeiter, die in der Altenpflege beschäftigt sind.

Nun stöhnt die bürgerliche Presse ununterbrochen, dass es einen „Pflegenotstand“ gebe, das heißt: nicht genug Pflegekräfte, vor allem nicht genug Fachkräfte. Es könnten nicht alle Pflegebedürftige den notwendigen Heimplatz oder ambulante Pflege zu Hause erhalten. Es wird suggeriert, dass „unsere Gesellschaft“ (sprich die friedliche Gemeinschaft der Ausbeuter und Ausgebeuteten) nicht mit der Aufgabe der Pflege klarkommt und es muss etwas Besonderes passieren, damit alle Pflegebedürftigen auch in 20 Jahren die ganze notwendige Aufmerksamkeit, Hilfe und Zuwendung bekommen.

Gibt es wirklich diesen Pflegenotstand? Und wenn ja, warum entsteht er und was bedeutet das eigentlich?

Dass der Pflegenotstand bereits Realität ist, weiß jeder, der mit diesem System zu tun hat. Das Personal fehlt überall. 2017 leisteten Pflegekräfte in Deutschland über 9 Millionen Überstunden, davon blieb ein Drittel unbezahlt[i]. Die meisten Pflegeeinrichtungen sowie Pflegedienste sind chronisch unterbesetzt und das ist bei einem spärlichen „Personalschlüssel“ von den Pflegekassen vorgegeben – selbst dieser kann oft nicht eingehalten werden. Entsprechend hoch sind die Krankmeldungszahlen unter Pflegekräften, im Durchschnitt 24 Fehltage pro Jahr, was die meisten anderen Branchen übertrifft[ii]. Natürlich leidet darunter auch die Qualität der Pflege. Wenn man die Heimleiter fragt, sagen diese: „Es fehlen einfach die Bewerbungen.“ Und manche fügen hinzu: „Und die, die doch kommen, erweisen sich dann oft als untauglich.“

Es fehlen also die Leute, dabei ist die Arbeitslosigkeit in der BRD auch eine bekannte Tatsache. Die Ausbildungen werden breit angeboten, aber was bringt das, wenn im Durchschnitt eine Fachkraft nach der Schule nicht mehr als 8 Jahre im Beruf bleibt[iii]? Das heißt, die meisten Leute wollen nicht in dieser Branche arbeiten, es gibt nicht genug von denen, die das wollen und auch können. Aber warum entsteht diese Situation?

Schauen wir genauer ökonomische Tatsachen an.

Der Arbeitsmarkt funktioniert nach genau gleichen Gesetzen wie jeder anderer Markt. Der Mensch tritt hier als Ware auf und verkauft als Ware seine Arbeitskraft. Der Lohn (und Nebenleistungen wie z.B. Betriebsrente, kürzere Arbeitswochen usw.) ist hier der Preis, der für die Ware Arbeitskraft angeboten wird.

Am stärksten ist die Höhe dieses Preises davon abhängig, was die Arbeiter in diesem Bereich für sich gemeinsam erkämpft haben. Ansonsten wird der Preis auch von anderen Faktoren bestimmt: von Ausbildung und Qualitäten, die der Arbeiter mit seiner Arbeitskraft „verkauft“. Bietet der Kapitalist einen geringeren Preis, also einen kleineren Lohn als in es in diesem Arbeitsbereich üblich ist, kann er nicht hoffen, dass die gut ausgebildeten und „besseren“ „Menschenwaren“ ihm rasch zugelaufen kommen.

Jetzt schauen wir uns an, wie es mit den Pflegeberufen, insbesondere mit dem Altenpflegeberuf, aussieht. Erstmal, was eine Pflegekraft leistet und zweitens, welchen „Preis“ sie für diese Leistung bekommt.

Dieser Beruf, besonders wenn es um Altenpflege und nicht um die schon längere Zeit existierende Krankenpflege geht, wird immer noch als etwas angesehen, was „jede Frau sowieso macht“. Noch vor 50 Jahren war das eher „Anlernberuf“, verlangte also keine besondere Ausbildung. Es wurden aber auch andere Verantwortungen und andere Anforderungen gestellt. Heute ist es ganz anders.

Gerade in der BRD ist die Lage der Pflegefachkräfte fast unmöglich schwer.

In den meisten Ländern der Welt – wie USA, skandinavische Länder, Spanien, Polen, usw. – ist die Pflege ein akademischer Beruf und eine „Schwester“ soll erst Abitur oder einen vergleichbaren Schulabschluss haben und dann 3 oder 4 Jahre studieren. So eine Fachkraft ist dann von Aufgaben der Grundpflege – also Waschen, Toilettengänge durchführen und Essen anreichen – befreit, diese Aufgaben erledigen die Hilfskräfte mit ein- bis zweijähriger Ausbildung. Die Fachkraft beschäftigt sich nur mit Fachaufgaben: Planung und Dokumentation, Behandlungspflege und Medikamentenmanagement, Beratung und Organisation.

Eine deutsche Fachkraft soll das natürlich auch alles machen und dazu noch waschen, Schränke aufräumen, die Küche saubermachen, die Vorlagen wechseln… Der Zeitaufwand dafür ist so groß, dass man andersrum sagen sollte: eine Fachkraft soll täglich 8 – 12 (je nach Einrichtung) Pflegebedürftige waschen, anziehen, lagern, mobilisieren, mit Essen und Getränken versorgen, Toilettengänge durchführen und zwischendurch noch die eigentlichen Fachaufgaben wie Medikamentenvorbereitung und -gabe, Injektionen, Infusionen, Planung, Kommunikation mit anderen Berufsgruppen (vor allem mit Ärzten), Gespräche mit Angehörigen irgendwie schaffen und die Verantwortung für die Gesundheit der Pflegebedürftigen vollständig tragen. Denn der Arzt ist nicht dabei und die Krankenbeobachtung und medizinische Entscheidungen liegen komplett auf der Schulter dieser Pflegekraft.

Wie das alles zu schaffen ist? Ein Rätsel. Genauso wie solche Gesetzgeber-Vorstellungen, dass man überhaupt einen schwerkranken Menschen (z. B. einen Dementen) einfach in 20 Minuten um jeden Preis komplett waschen, rasieren, frisieren und anziehen soll (dabei Zimmerordnung beachten, Trinken anreichen und natürlich die gutgemeinten neuen Konzepte und Methoden wie „Validation“ oder „basale Stimulation“ anwenden!) Schaffen die verantwortlichen Politiker sich selbst in 20 Minuten komplett und perfekt fertig für den Tag zumachen und noch ihr Schlafzimmer aufzuräumen? Wenn ja, dann sollten sie bedenken, dass gesundheitlich beeinträchtigte Menschen viel mehr Zeit für sich brauchen! Dabei haben Pflegekräfte häufig gar keine 20 Minuten für jeden Bewohner, sondern müssen irgendwie noch schneller sein.

Daraus folgt, dass die Pflegekräfte (und zwar sowohl Fach- als auch Hilfskräfte) eigentlich zaubern können sollen und das können sie irgendwie. Zumindest schaffen sie es jeden Tag, dass ihre Bewohner sauber und gut gekleidet, mit kurz geschnittenen Fingernägeln und zufrieden beim Frühstück sitzen. Kann das wirklich „jede Frau“ tun? Natürlich nicht! Die Anforderungen an die Arbeiter in diesem Bereich sind enorm hoch und egal wie schwer die Lage mit Personalstand ist – kein Arbeitgeber und kein Heimleiter wird eine Pflegekraft behalten, die nicht schnell und konzentriert genug arbeitet: Wenn sie nicht gekündigt werden, so werden sie schnell von Kollegen rausgemobbt. Und dabei kann man das den Kollegen nicht mal übel nehmen, denn wie sollen sie den ganzen Arbeitsaufwand schaffen, wenn sie noch für einen anderen, der nicht so viel schafft, mitmachen sollen?

Also man braucht nicht „jede durchschnittliche Frau“, sondern eine besonders belastbare, schnelle, konzentrationsfähige und organisierte Frau oder auch einen gleichwertigen Mann.

Was Fachkräfte betrifft, ist das noch nicht alles. Krankenbeobachtung und die Verantwortung mit schwerkranken Menschen zu arbeiten, ohne einen Arzt dabei zu haben, wurde bereits erwähnt. Nicht zu vergessen auch die rechtliche Seite der Pflegearbeit: die Berichte müssen in gutem Deutsch, verständlich und genau erfasst werden, alles Geschehene wird dokumentiert, die Planung soll ordnungsgemäß nach den Vorgaben des Medizinischen Dienstes der Krankenkasse (MDK) formuliert werden.

Dies alles bedeutet die Notwendigkeit einer guten Bildung, beruflicher als auch Allgemeinbildung. Vor einigen Jahren wurde aufgrund des besagten Pflegenotstands der Zugang zu den Altenpflegeschulen auch für Hauptschulabsolventen geöffnet. Ein Teil von ihnen ist auch durchaus fähig, die Aufgaben der Pflege gut zu meistern, dennoch leider nicht alle. Nicht alle Auszubildenden schaffen nach der Hauptschule überhaupt den Lehrgang, denn der Bildungsstandard an Hauptschulen ist oft sehr niedrig, was dazu führt, dass die Absolventen sogar Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Ich selbst traf junge Menschen, die in der Schule einfach keinen Biologie-Unterricht erhielten. Sie kamen in die Pflegeausbildung ohne zu wissen, dass lebendige Organismen eigentlich aus Zellen bestehen, geschweige denn schon Kenntnisse über den Aufbau der Zellen. Wie soll die Pflegeausbildung solche Defizite ergänzen? Sie ergänzt sie natürlich nicht und wenn diese jungen Leute irgendwie durch die Prüfung kommen, fällt ihnen die Arbeit schwer: sie können nicht die tägliche Aufgaben, wie z. B. Dokumentation richtig durchführen, fühlen sich überfordert und wechseln zu einem anderen Beruf, er besser zu Ihnen passt. Ohne gute Allgemeinbildung ist man in der Pflege also eigentlich aufgeschmissen.

Kurz gesagt: Eine Pflegefachkraft soll über umfangreiches Spezialwissen, aber auch über gutes Allgemeinwissen verfügen, sie braucht überdurchschnittliche Fähigkeiten in Selbstorganisation und Organisation der anderen (denn jede Pflegefachkraft soll auch die Hilfskräfte organisieren und Teamleitung übernehmen), aber auch emotionale Intelligenz ist nicht zu vergessen, denn ohne sie ist es unmöglich Kontakt mit so schwierigen Patienten wie Dementen und einfach sehr kranken und sterbenden Menschen herzustellen; sie soll auch handwerklich begabt sein, denn wie sonst führt sie Katheterismus oder Verbandswechsel durch? Natürlich soll sie super deutsch sprechen und sich gut präsentieren können, denn es geht ja um die Dienstleistungsbranche. Sie soll auch teamfähig sein. Und nicht zu vergessen – gute Gesundheit und körperliche Fitness haben, denn bei der Arbeit läuft eine Pflegekraft täglich 10 bis 15 km und soll ab und zu sehr schwere Gewichte heben. Sie soll mutig sein und in Notsituationen cool bleiben. Sie soll sich vor dem Thema Sterben nicht drücken und bei Ansicht der Toten einfach ruhig weiter ihre Arbeit machen, sie soll auch Ekel gut ertragen können. Also es gibt so gut wie keine Eigenschaft, die von einer Pflegefachkraft nicht verlangt wird. Sie soll eigentlich ein Superman oder eine Superwoman sein. Fast davon betrifft auch die Hilfskräfte, nur im intellektuellem Bereich wird von ihnen nicht so viel verlangt, weil sie keine Planung schreiben (die Berichte schreiben sie jedoch auch).

Diese Komplexität und diese Anforderungen werden weder von der Allgemeinheit noch von Politikern wahrgenommen. Genau deswegen blühen ab und zu „brillante“ Ideen, wie: Lass uns einfach alle Langzeitarbeitslosen zu Pflegefachkräften ausbilden! Das kann doch jeder und die haben nichts zu tun. Oder: Lass uns einfach Flüchtlinge (mit schwachen Deutschkenntnissen) schnell in die Pflege schicken, sie schaffen das schon. In der Praxis scheitern diese Ideen immer, denn die Pflege braucht nicht irgendeine durchschnittliche menschliche Kraft, sie braucht Menschen mit guter Bildung, teamfähige, kommunikationsfähige und die, die bereit sind, die unmenschliche Arbeitsverdichtung auszuhalten.

Zumindest braucht diese Eigenschaften die moderne Pflege in der kapitalistischen Welt, denn die Beschäftigten sollen ja Profit bringen, also ein bestimmtes Arbeitsvolumen in bester Qualität unter Zeitdruck meistern. Können sie das nicht – man lässt sie nicht zur Pflege zu. Und es ist unmöglich, alle diese Eigenschaften während der dreijährigen Berufsausbildung zu erwerben.

Und vor allem – eine solche Arbeitskraft soll auch noch bescheiden sein und mit einem mickrigen Gehalt und gesellschaftlicher Verachtung einverstanden sein.

Denn: Was bekommen eigentlich die Pflegekräfte für ihre Arbeit? Das Gehalt der Hilfskräfte ist oft auf das Niveau des Mindestlohnes begrenzt. Selbst eine Reinigungskraft verdient oftmals mehr.

Was Fachkräfte betrifft, schwankt das durchschnittliche Bruttogehalt in der BRD von 1.927 € pro Monat in Sachsen-Anhalt bis zu 2.603 € in Bayern. Das ergibt bei Steuerklasse I. ca. von 1.300 € bis 2 000 Euro netto (nicht zu vergessen: die Lebenskosten, vor allem Wohnkosten in Bayern, sind auch entsprechend sehr hoch). Natürlich sind die Gehälter in den „neuen“ Bundesländern, also der ehemaligen DDR, besonders niedrig.

Ist das wenig oder viel? Das Durchschnittsgehalt in der ganzen BRD betrug 2016 3.703 € brutto im Monat (https://www.cecu.de/durchschnittsgehalt.html) Somit liegen die examinierten Altenpfleger sehr weit unter dem durchschnittlichen Niveau. Es besteht kein großer Unterschied zu den Gehältern in der Krankenpflege: auch dort bekommen Berufseinsteiger nicht mehr als 2.000 € -2.400 € brutto, und erst nach vielen Jahren erhalten sie ca. 3.200 € Bruttogehalt. https://www.merkur.de/leben/karriere/gehalt-krankenschwester-krankenpfleger-zr-9532931.html

Was Arbeitsbedingungen betrifft, greifen hier die normalen deutschen Arbeitsgesetze schon lange nicht. Zum Beispiel laut Arbeitszeitgesetz darf der Abstand zwischen Arbeitsschichten nicht weniger als 11 Stunden, in Ausnahmefällen nicht weniger als 10 betragen. Das wird massenhaft nicht eingehalten. Besonders in mehreren ambulanten Diensten praktiziert man, manchmal wochenlang, „Teildienste“, wo der Abenddienst um 22:30 Uhr oder gar 23:00 Uhr enden kann und die Frühschicht um 6:00 Uhr morgens wieder beginnt. Es passiert, dass die Pflegekräfte die ganze Woche lang täglich höchstens 4 – 5 Stunden für den Schlaf haben. Die breite Praxis des Drei-Schichten-Systems ist eine erhebliche Gesundheitsgefährdung, mehrere Firmenbesitzer denken aber gar nicht daran, feste Nachtwachen einzustellen und zwingen alle Mitarbeiter, mal um 5:00 Uhr morgens aufstehen, mal die ganze Nacht nicht zu schlafen, was zu verschiedenen, ziemlich bösen Gesundheitsfolgen, von Kopfschmerzen bis zum erhöhten Schlaganfallrisiko führt. Schlafstörungen sind beim Personal in diesen Einrichtungen etwas Selbstverständliches. Arbeitspausen sind auch in vielen Einrichtungen nur ein Recht auf dem Papier: die Zeit dafür wird einfach nicht gegeben, die Pflegekräfte sind gezwungen, täglich eine halbe Stunde unbezahlte Arbeit (in der Pause) zu verrichten und das wird nicht mal als Überstunde erfasst.

Vielleicht genießen die Altenpfleger besondere Achtung und Respekt der Gesellschaft, da ihr Beruf ja so schwer und notwendig ist? Es herrscht leider das Gegenteil. Wenn Krankenpflege noch mehr oder weniger anerkannt ist, ist die Altenpflege in den Augen der Gesellschaft nur ein „Po-Abwischer“-Beruf, so etwas wie eine Reinigungskraft, nur noch niedriger, denn Reinigungskräfte müssen zumindest keine Verdauungsprodukte abputzen. Wenn man die Zeitungen oder Fernsehsendungen anschaut, erfährt man über Altenpflege meistens, dass die Pflegekräfte schon wieder die armen Senioren quälen, angeblich „chemisch fixieren“, aushungern lassen und weiteren Unsinn, der teilweise natürlich stimmen kann, aber meistens aus Unwissen der Journalisten stammt. Kein Wunder, dass die Pflegeberufe generell und die Altenpflege besonders keineswegs für junge Menschen attraktiv ist.

Rosi (Name geändert), junge Absolventin der Altenpflegeschule sagt:

„Ich habe bereits einen Vertrag mit der Bundeswehr. Mit abgeschlossener Pflegeausbildung bin ich dann Sanitäterin, habe ein Gehalt anderthalb Mal größer als eine Pflegefachkraft und bin dann in den Augen der Menschen Soldatin, also etwas Ehrenhaftes und Romantisches und nicht eine Po-Abwischerin.“

Heute führen die Politiker eine einheitliche Pflegeausbildung ein, wo der Zugang nur für Abiturienten offen sein wird (und das ist schon ein notwendiger Schritt, um sich an den Weltstandard anzupassen). Sehr viele in der Altenpflege fragen, wie das funktionieren soll und die Frage lautet meistens so: „Warum soll ein junges Mädchen mit Abi oder auch Fach-Abi sich für so einen Beruf entscheiden? Sie hat ja viel bessere Möglichkeiten. Und selbst wenn sie diese Ausbildung macht, bleibt sie dann nicht malochen, sondern geht weiter studieren.“

Der Zustand des Klassenbewusstseins unter den Beschäftigten in dieser Branche ist extrem niedrig. Wenn die Krankenpfleger in den letzten Jahren, besonders in privaten Krankenhausketten, mutig für Verbesserungen kämpften und sich vor einem Streik nicht scheuten, gibt es in der Altenpflege nichts Vergleichbares. Die meisten Privateinrichtungen besitzen nicht mal einen Betriebsrat, Gewerkschaftsmitglieder sind unter Altenpflegern selten und die Gewerkschaften fangen nicht mal an, etwas in dieser Branche zu rühren. Dazu gibt es mehrere Gründe: Viele der Beschäftigten sind Migranten, die sich sowieso nicht viel trauen. Die Einrichtungen sind oft klein und täuschen durch „Familienatmosphäre“. Auch der Pflegekräftemangel spielt hier eine eher negative Rolle: Für jeden ist es viel einfacher „mit den Füßen abzustimmen“ und sich einen besseren Arbeitsplatz zusuchen, als im eigenen Betrieb etwas verbessern zu wollen. So oder so, das niedrige Klassenbewusstsein ist die Hauptursache dafür, dass die Löhne so niedrig und die Arbeitsbedingungen manchmal miserabel sind.

Da der Druck von den Arbeitenden praktisch fehlt, unterstehen die Löhne in dieser Branche schlicht ökonomischen Marktgesetzen, den Gesetzen von Anfrage und Angebot. Und selbst das wollen die Machthabenden nicht akzeptieren, denn, und es ist schon offensichtlich, sie zahlen einen Preis für diese Arbeitskräfte, der viel niedriger ist, als der reale Preis, den der Markt verlangt. Es ist dasselbe, als ob ein Käufer auf dem Automarkt einen Mercedes anschaffen möchte, aber nur den Kaufpreis für einen VW Polo anbietet. Vielleicht findet er einen Mercedes für diesen Preis, aber das ist eher die Ausnahme. Genauso brauchen die Herren der Altenpflege Arbeiter, die eigentlich eine sehr gute Bildung und besondere Eigenschaften besitzen, wollen sie aber nicht entsprechend diesen Eigenschaften bezahlen. Kein Wunder, dass dadurch ein Pflegekräftemangel und ein sogenannter „Pflegenotstand“ entsteht! Das ist rein die Folge eines normalen Angebot/Anfrage/Preis Verhältnisses, wie es so auf jedem Markt funktioniert.

Es gibt also 2 Wege aus diesem Pflegenotstand: Einen realen und einen phantastischen. Ein phantastischer Weg besteht darin, dass die Machthabenden die oben genannte Inhalte von selbst wahrnehmen; Pflegegesetze verändern und die Pflegenden bekommen einen Lohn, der ihrem wirklichen Aufwand und ihrer wirklichen Qualifikation entspricht. Sie würden dann „nur noch“ ausgebeutet werden wie andere Arbeiter mit Tarifvertrag.

Der reale Weg ist schwierig, aber er ist eben real: Das Klassenbewusstsein der Beschäftigten in der Pflege muss wachsen. Wir brauchen Klassenkampf für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen, der auf jeden Fall die Solidarität der Arbeiter anderer Branchen und die Unterstützung von Gewerkschaften und der Kommunistischen Partei erfordert. Nur das ist der einzige Weg, der zur wirklichen Überwindung des sogenannten Pflegenotstandes führt und am Ende von diesem Weg bleibt die Frage: wozu braucht die Pflege alle diese Privatunternehmer, die noch auf Kosten der Alten und Kranken und natürlich von Pflegekräften, ihre Profite erzielen? Man braucht sie nicht! Nein, wir brauchen eine sozialistische Gesellschaft, die vom Proletariat regiert wird und wo das Proletariat selbständig entscheidet, welche Pflege und auf wessen Kosten es für seine Senioren, Kranken und Behinderten braucht.

 

 

 

 

[i]http://www.altenpflege-online.net/Infopool/Nachrichten/2016-Altenpfleger-leisteten-9-5-Millionen-Ueberstunden

[ii]http://www.altenpflege-online.net/Infopool/Nachrichten/Aktuelle-Zahlen-Arbeiten-in-der-Altenpflege-macht-krank

[iii]https://www.tz.de/muenchen/stadt/altenpflege-bittere-wahrheit-ueber-einen-knochenjob-3545905.html

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