Tertium non datur – Zum Auftritt eines russischen Schülers im Bundestag

Kürzlich sprach ein russischer Schüler im Bundestag zum Volkstrauertag. Sein Auftritt „hat im russischsprachigen Internet mächtig Wellen geschlagen“. (vgl. Artikel von  Sputniknews
Genossin Marguerite hat sich nun die Mühe gemacht, die Stellungnahme Wiktor Marachowskijs (russischer Journalist und Publizist; erschienen bei RIA Nowosti) dazu auf deutsch zusammenzufassen:
Eine ausgezeichnete Analyse des Auftritts eines russischen Schülers im Bundestag zum „Volkstrauertag“ legt den Kern des in der offiziellen Geschichtsschreibung Russlands vorherrschenden Dilemmas offen. (Wiktor Marachowskij ist ein russischer Journalist und Publizist. Alle Hervorhebungen in der Zusammenfassung seines Meinungsartikels wurden von mir vorgenommen).

Советские офицеры проходят мимо немецких пленных. Сталинград, январь 1943 годаKein Mitglied der russischen Gesellschaft kommt an dieser schicksalhaften Entscheidung vorbei. Entweder war unser Krieg kein vaterländischer Volkskrieg. Dann sollten wir in der Tat die schuldlos zu Tode gekommenen Wehrmachtssoldaten betrauern. Indem wir mit den Besiegten die Schuld an ihrem verbrecherischen Kriegsabenteuer teilen. Oder aber führten wir den Großen Vaterländischen Krieg – und in dem Fall gab es keine unschuldigen Opfer unter den Invasoren.
Der Schüler Nikolaj aus Nowy Urengoj hat mit seinem im Bundestag gehaltenen Vortrag vom „schuldlos umgekommenen Wehrmachtssoldaten“, welcher in den „sogenannten“ Stalingrader Kessel geriet, selbstredend nicht mit einem derartigen Sturm der Entrüstung in der russischen Öffentlichkeit gerechnet. 
In Wirklichkeit ist der Vorfall absolut banal und kommt im Grunde nicht unerwartet. 
In unserem Land koexistieren nämlich zwei einander diametral entgegengesetzte Deutungsweisen des Großen Vaterländischen Krieges.
Auf der einen Seite handelt es sich um einen Volksbefreiungskrieg, für den man nicht um Vergebung bitten muss, dessen Helden man reinen Herzens ehren kann; einen Krieg, dessen Ausbruch unsere Vorfahren nicht zu verantworten hatten, für dessen Ausgang die Nachkommen ihnen gleichwohl unendlich dankbar sind. Ohne Wenn und Aber.
Auf der anderen Seite jedoch steht die [in der BRD sattsam bekannte Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus; eig. Anm.] von offizieller Seite nicht einmal in Frage, geschweige denn in Abrede gestellte Lesart des „Aufeinanderprallens zweier Menschenfresser-Regime, auf deren Konto Dutzende Millionen unschuldiger Menschenleben gehen“.
Die beiden aufgeführten Interpretationsweisen verlaufen parallel zueinander. Die erste erleben wir jedes Jahr anlässlich des Tages des Sieges – sie kommt im Unsterblichen Regiment und den Georgsbändern zum Ausdruck. Dies ist die VOLKSVERSION.
Die andere aber – so widerwärtig das Eingeständnis – ist gewissermaßen die einer eingeweihten Elite vorbehaltene Deutung. Eben diese Auslegung, wonach es „weder Kämpfer für die gerechte Sache noch Schuldige“ gibt, sondern eine „gemeinsame Tragödie, in der alle Seiten Buße tun müssen“ tritt etwa in Werken der Intelligenzija zum Vorschein. Sie ist es ferner, die vor ausländischem Publikum zum Tragen kommt.
Die lokalen Regierungsstellen mögen sich nun eingehend darüber auslassen, dass der Schüler missverstanden wurde. Eines ist aber allen Beteiligten klar: Es war nicht der Schüler, der die Rede eigenmächtig abgesegnet hat. Er war es auch nicht, der das Attribut „sogenannt“ in Verbindung mit dem Stalingrader Kessel verwendete und den Soldaten des faschistischen Dritten Reichs die Rolle der „unschuldigen Opfer“ zuwies.
Indes ist davon auszugehen, dass die eigentlichen Verfasser keine bösen Absichten hegten. Sie haben sich schlicht verheddert in den beiden Sichtweisen auf den Großen Vaterländischen Krieg und mithin den Versuch einer Kompromisslösung aus beiden unternommen.
Nun besteht das DILEMMA aber darin, dass es beim vorliegenden Thema KEINERLEI Kompromissvarianten bzw. gleichberechtigte Ansichten geben kann. EINES VON BEIDEN.
Wenn der Zweite Weltkrieg im heutigen Russland als das Resultat dessen aufgefasst werden soll, dass zwei Menschenfresser-Regime – nebenbei Europa verwüstend – aufeinander losgegangen sind, könnte man die erste Version gelten lassen. Dann ist der vom Schüler beweinte faschistische Soldat ein unschuldiges Opfer. Dieser Logik folgend könnten alle künftigen Okkupanten als unschuldig betrachtet werden. Womöglich wären dies gar die guten Eroberer.
Wenn aber der Große Vaterländische Krieg als Befreiungskrieg des sowjetischen Volkes gegen die faschistischen Besatzer anzusehen ist, welche in Tötungsabsicht und um unser Volk zu knechten, unser Land überfallen haben, dann hat die zweite Deutungsvariante keinerlei Existenzberechtigung. Wenn unser Krieg ein gerechter war, dann gab und gibt es unter den Faschisten, welche unwissentlich einen Vernichtungsfeldzug gegen uns antraten und dabei bei Stalingrad landeten, keine unschuldigen Opfer.
In dem Fall spielt es KEINE Rolle, ob einzelne Wehrmachtssoldaten Musik mochten, in Frieden leben wollten und die Ansichten Hitlers teilten. Sie fielen mit der Waffe im Anschlag in unser Land ein. Und wurden gebührend zurückgeschlagen.
Und wenn unsere Gesellschaft (allen voran ihr oberer Teil) diese Entscheidung nicht beizeiten trifft, wird sich der Bußgang des Schülers aus Nowy Urengoj künftig oftmals wiederholen.
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