Sechs grundlegende, charakteristische Merkmale der Identität einer kommunistischen Partei

Der große portugiesische Genosse Álvaro Cunhal (* 10. November 1913) würde heute seinen 104. Geburtstag feiern. Erinnern wir uns an die von ihm formulierten „Sechs grundlegenden, charakteristischen Merkmale der Identität einer kommunistischen Partei“, die er im vierten Teil des gleichnamigen Artikels ausführte.

Sechs grundlegende, charakteristische Merkmale der Identität einer kommunistischen Partei:
1. Eine von den Interessen, der Ideologie, von Druck und Drohungen der Kapitalkräfte völlig unabhängige Partei zu sein.
Es handelt sich um eine Unabhängigkeit der Partei und der Klasse, die für die Identität einer kommunistischen Partei ein konstitutives Element bildet. Diese Unabhängigkeit beweist sich in der eigenständigen Aktion, in den eigenen Zielen und der eigenen Ideologie.
Der Bruch mit diesen wesentlichen Charakterzügen stellt niemals ein Zeichen von Unabhängigkeit dar, sondern ist im Gegenteil ein Ausdruck des Verzichts auf dieselbe.
2. Eine Partei der Arbeiterklasse, der Werktätigen im Allgemeinen, der Ausgebeuteten und Unterdrückten zu sein.
Je nach der sozialen Struktur in jedem einzelnen Land können auch die soziale Zusammensetzung der Parteimitgliedschaft und der sozialen Massenbasis der Partei grosse Unterschiede von einer Partei zur anderen aufweisen. Wesentlich ist in jedem Fall, dass eine Partei sich nicht in sich verschliesst, dass sie sich nicht gegen innen kehrt, sondern sich eng an die Arbeiterklasse und die werktätigen Massen bindet.
Indem sie dies ausser Acht liessen, wurden einige Kräfte durch den Verlust ihrer Klassennatur in den senkrechten Absturz gezogen, andere zur Selbstzerstörung getrieben und zum Verschwinden gebracht.
Der Ersatz der Klassennatur der Partei durch die Konzeption einer –Bürgerpartei– bedeutet Verschleierung der Tatsache, dass es unter diesen Bürgern Ausbeuter und Ausgebeutete gibt.
Und es läuft darauf hinaus, die Partei in eine neutrale Stellung gegenüber den Klassenkampf zu führen – was in der Praxis die Partei und die ausgebeuteten Klassen entwaffnet und die Partei in ein Werkzeug und Anhängsel der Politik der herrschenden Ausbeuterklassen verwandelt.
3. Eine Partei mit einem demokratischen Innenleben und einer einheitlichen zentralen Leitung zu sein.
Die innere Demokratie ist reich an Vorzügen, namentlich: die kollektive Arbeit, die kollektive Leitung, die Kongresse, Versammlungen und Debatten in der gesamten Partei zu grundlegenden Fragen der Orientierung und der politischen Aktion, die Dezentralisierung der Verantwortung, die Wahl der leitenden Organe der Zentrale und aller übrigen Organisationen.
Die Anwendung dieser Grundsätze muss in Übereinstimmung mit der politischen und historischen Lage erfolgen, in der eine Partei handelt.
Unter Bedingungen der Illegalität und Unterdrückung beschränkt sich die Demokratie durch zwingende Gründe des Selbstschutzes. In einer bürgerlichen Demokratie können die aufgeführten Vorzüge eine sehr weite und tiefe Anwendung erfahren, und es ist wünschbar, dass sie es tun.
4. Eine Partei zu sein, die zugleich internationalistisch ist und die Interessen ihres Landes verteidigt.
Im Gegensatz zu dem, was in einer bestimmten Epoche in der kommunistischen Bewegung vertreten wurde, besteht kein Widerspruch zwischen diesen beiden Elementen der Orientierung und Aktion von kommunistischen Parteien.
Jede Partei ist solidarisch mit den Parteien, den Werktätigen und den Völkern der anderen Länder. Aber sie ist ein überzeugter Verteidiger der Interessen und Rechte ihres eigenen Landes und Volkes. Der Ausdruck –patriotische und internationale Partei– hat am Ende des 20. Jahrhunderts volle Aktualität. Man kann vom Standpunkt des Internationalisten den Kampf im eigenen Land als solidarischen Wert und Beitrag einschliessen, ebenso wie man vom Standpunkt des Patrioten die solidarischen Beziehungen zu den Werktätigen und Völkern anderer Länder als Wert und Beitrag für das eigene Land einrechnen kann.
5. Eine Partei zu sein, die als ihr Ziel den Aufbau einer Gesellschaft definiert, die weder Ausgebeutete noch Ausbeuter kennt, einer sozialistischen Gesellschaft.
Dieses Ziel behält ebenfalls volle Aktualität. Aber die positiven und negativen Erfahrungen beim Aufbau des Sozialismus in einer Reihe von Ländern und die tiefen Veränderungen der weltweiten Lage zwingen zu einer kritischen Analyse der Vergangenheit und zu einer neuen Definition der sozialistischen Gesellschaft als Ziel der kommunistischen Parteien.
6. Trägerin einer revolutionären Theorie zu sein: des Marxismus-Leninismus, der nicht nur die Erklärung der Welt möglich macht, sondern auch den Weg zu ihrer Veränderung aufzeigt.
Alle verleumderischen antikommunistischen Kampagnen Lügen strafend, ist der Marxismus-Leninismus eine lebendige, antidogmatische, dialektische, schöpferische Theorie, die sich weiter anreichert durch die Praxis und durch die Antworten auf neue Situationen und Erscheinungen, die zu geben sie berufen ist. Sie treibt die Praxis dynamisch an und bereichert und entwickelt sich schöpferisch anhand der Lektionen der Praxis.
Marx im –Kapital– und Marx und Engels im –Manifest der Kommunistischen Partei– analysierten und definierten die grundlegenden Elemente und Wesensmerkmale des Kapitalismus. Die Entwicklung des Kapitalismus unterlag indessen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer wichtigen Abänderung. Die Konkurrenz führte zur Konzentration und die Konzentration zum Monopol.
Lenin und seinem Werk –Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus– verdanken wir die Definition des Kapitalismus am Ende des 19. Jahrhunderts.
Diese Entwicklungen der Theorie sind von ausserordentlichem Wert. Und ebenso hoch zu veranschlagen ist der Wert der Erforschung und Systematisierung der theoretischen Erkenntnisse.
In einer Synthese von ausserordentlicher Klarheit und Strenge erläutert ein berühmter Artikel von Lenin die –Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus–.
In der Philosophie, der dialektische Materialismus, der im historischen Materialismus seine Anwendung auf die Gesellschaft findet.
In der politischen Ökonomie, die Analyse und Erklärung des Kapitalismus und der Ausbeutung, und die Mehrwerttheorie, die den Eckstein zum Verständnis der Ausbeutung bildet.
In der Theorie des Sozialismus, die Definition der neuen Gesellschaft durch die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.
Im Lauf des 20. Jahrhunderts und in Begleitung der gesellschaftlichen Transformationen kamen zahlreiche neue theoretische Überlegungen hinzu. Jedoch breit gestreute und widersprüchliche Überlegungen, welche es schwierig machten zu unterscheiden, was theoretische Entwicklungen sind und wo es sich um revisionistische Abweichungen von den Grundsätzen handelt.
Daher die zwingende Notwendigkeit von Debatten ohne vorgefasste Meinungen und verabsolutierte Wahrheiten, wobei es nicht um die Suche nach Schlussfolgerungen geht, die für definitiv gehalten werden, sondern um die Vertiefung der gemeinsamen Reflexion.
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