KPD und Frank Flegel: Nachrufe auf Kurt Gossweiler

ZK der KPD:
Kurt Gossweiler ist tot

Am 15. Mai ist Kurt Gossweiler im Alter von 99 Jahren in Berlin gestorben.
Kurt Gossweiler, geboren am 5. November 1917, stammte aus einem kommunistischen Elternhaus, war als Jugendlicher Mitglied im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands, arbeitete illegal gegen den deutschen Faschismus, wurde dann zunächst zum Reichsarbeitsdienst und kurz darauf zur Wehrmacht eingezogen und kam an die Ostfront, wo er zur Roten Armee überlief. Er kam an die Antifa-Schule in Thaliza. Dort wirkte er von 1944 an als Assistent. 1947 kam er zurück nach Deutschland und trat in die SED ein. Bis Mitte der 50er Jahre war er Mitarbeiter der Berliner Bezirksleitung der SED. Seit Mitte der 50er Jahre war er als Historiker an der Humboldt-Universität, die ihm später die Ehrendoktorwürde verliehen hat. Seit 1970 bis zu seiner Pensionierung 1983 war er außerdem wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Kurt Gossweiler hat in seinem politischen Leben zwei schwerwiegende Katastrophen erlebt, die sein Leben und seine wissenschaftliche Arbeit bestimmen sollten: Die Machtübertragung an die Faschisten 1933 und die Konterrevolution in der DDR und der UdSSR sowie den anderen Ländern des Warschauer Paktes 1989/90. An beide Ereignisse ging er mit der für ihn typischen Frage heran: „Wie konnte das geschehen?“ Es ging ihm bei der Erforschung der Ursachen nicht um ausgewogene Worte, sondern vollkommen unbestechlich allein um die Wahrheit, um das Aufdecken der tatsächlichen Ursachen für diese Niederlagen der Arbeiterbewegung.
Zunächst widmete er sich also der Faschismusforschung, schrieb die drei Standardwerke „Großbanken, Industriemonopole, Staat, Ökonomie und Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus 1914 – 1932“, „Kapital, Reichswehr und NSDAP“ und „Der Putsch, der keiner war. Die Röhm-Affaire 1934“. Er zeigte minutiös auf, dass die Inthronisierung des deutschen Faschismus auf Veranlassung und unter aktiver Beteiligung des deutschen Großkapitals vollzogen wurde. Damit widersprach er auch den Thesen über die Natur des deutschen Faschismus als einer Bewegung reaktionärer und fehlgeleiteter Kleinbürger, wie sie in Westdeutschland an den Universitäten verbreitet wurde.
Nach der von ihm seit Gorbatschows Perestroika befürchteten Niederlage des Sozialismus in Europa – die Perestroika hat er u.a. als eine tödliche Gefahr für den Sozialismus bezeichnet – war es sein zentrales Anliegen, die Ursachen dieser Niederlage zu ergründen. Damit wurde natürlich auch die Frage nach der Beurteilung der Geschichte der UdSSR aufgeworfen. Es wurden Antworten notwendig auf die Frage, wie die Stalin-Ära zu bewerten sei, was der XX. Parteitag der KPdSU war, welche Folgen er hatte und auf was die Perestroika zielte. Dabei ging es Kurt Gossweiler immer um die Analyse des modernen Revisionismus und das Verständnis seiner zersetzenden Wirkung. Seine Forschungsergebnisse zu diesen und anderen Fragen publizierte er in dem Band „Wider den Revisionismus“ und der zweibändigen „Taubenfußchronik“ sowie in zahlreichen Artikeln in den Zeitschriften offen-siv und KAZ sowie der Schriftenreihe der KPD.
Heinz Keßler sagte in einem Interview über Kurt Gossweiler: „Und ich bewundere auch, ja ich beneide ihn sogar darum, dass er in prinzipieller, aber auch sehr sachlicher Weise sich mit Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen, – weil sie irren -, auseinandersetzt und auf diese Weise hilft, dass diese Genossin oder jener Genosse wieder zurückfindet zu unseren Grundfesten, nämlich unserer wissenschaftlichen Lehre des Marxismus-Leninismus.“
Natürlich wurde Kurt Gossweiler für seine Arbeiten von den revisionistischen und opportunistischen Kreisen innerhalb der Linken gehasst, geflissentlich totgeschwiegen oder ausgegrenzt. Häufig zu beobachten war und ist auch der Versuch, ihn als großen Faschismusforscher darzustellen, seine antirevisionistischen Arbeiten aber mit einem Halbsatz abzutun oder ganz zu verschweigen.
Wie dem auch sei, seine Forschungsergebnisse besonders über die Ursachen der Niederlage des Sozialismus in Europa sind epochal und unverzichtbar für die kommunistische Weltbewegung, denn seine Arbeiten haben bei vielen nach der Konterrevolution Verzweifelten und /oder Verwirrten wieder Licht in die Dunkelheit gebracht.
Das ZK der KPD verneigt sich voller Hochachtung und wird in seinem Sinne weiterarbeiten.


Frank Flegel:
Einiges Persönliches zum Tode Kurt Gossweilers

Anna und mich hat eine lange Freundschaft mit Kurt verbunden. Er hat unzählige Arbeiten in der offen-siv veröffentlicht, wir haben ihn mehrfach besucht, er ist bei unseren Großveranstaltungen als Referent aufgetreten, also bei der ersten DDR-Konferenz „Zur Verteidigung des revolutionären Erbes“ 1999, bei der Konferenz „Imperialismus und anti-imperialistische Kämpfe im 21. Jahrhundert“ im Jahr 2000, bei der gemeinsamen Lesung mit Harpal Brar, wo wir die „Taubenfußchronik“ von Kurt und das Buch „Perestrojka“ von Harpal Brar vorgestellt haben und bei der zweiten DDR-Konferenz „Und der Zukunft zugewandt“ im Jahr 2009 mit einem gemeinsamen Beitrag mit Dieter Itzerott.

In der Festschrift zu Kurts 90. Geburtstag haben Anna und ich damals u.a. geschrieben: „Bald kam es zu ersten Kontakten mit Kurt, schließlich zum Abdruck der „Zwiebel Gorbatschow“ in der offen-siv, wir machten vier Sonderhefte mit ihm, nämlich „Genosse Domeniko Losurdos Flucht aus der Geschichte“, „Die Ursprünge des modernen Revisionismus“, die „Wendebriefe“ und den „Brief an Robert Steigerwald“. Er hat der Imperialismuskonferenz das Thema gegeben und war an der Ausarbeitung ihrer Grundausrichtig beteiligt. Wir druckten unzählige weitere Artikel und Leserbriefe von Kurt in der offen-siv. Und natürlich kam es über all dies zu vielen persönlichen Treffen. Da waren wir natürlich gespannt, den „stalinistischen Blutsäufer“ einmal leibhaftig vor uns zu haben. Umso größer war das Erstaunen, einem freundlichen, klugen, bescheidenen und ganz offenen und aufmerksamen Menschen zu begegnen.

Als die KPF der PDS Hannover uns die Herausgeberschaft der offen-siv entzog und wir ein neues Herausgebergremium gründen mussten, zögerte Kurt keine Sekunde, uns zu helfen und sich als Mitglied für dieses Herausgebergremium zur Verfügung zu stellen. Aber wir sind Kurt nicht nur für dies alles zu Dank verpflichtet.

Wir verdanken ihm das Größte und wichtigste, das es für Kommunisten gibt: die theoretische Klarheit. Nach der Niederlage 1989 war die Verwirrung allgemein und riesengroß, alles Mögliche war modern – und trotzdem hatte das alles eine Richtung, den n die „Eintrittskarte“ in die Diskussion, die Grundvoraussetzung, um angehört zu werden, war die Distanzierung von Stalin, von der Sowjetunion, von der „Kommandowirtschaft“, vom „Staatssozialismus“, von der führenden Rolle der Partei und so fort.

Und Anna und ich, wir beiden „armen Mäuse“ wussten zwar noch immer, dass die Marxsche Kapitalanalyse richtig ist, dass die Sowjetunion das bisher Bedeutendste ist, was die Menschheit hervorgebracht hat und die DDR dementsprechend die größte Errungenschaft der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung (und allein die Tatsache, dass wir von dieser Überzeugung nicht abwichen brachte uns reichlich Prügel und Ausgrenzung ein), aber so ganz weit helfen solche Grundüberzeugungen nicht, wenn man vor dem Trümmerhaufen steht, den die Konterrevolution von der kommunistischen Bewegung in Deutschland übrig gelassen hat. Denn wenn man auf die Frage nach dem „Warum?“ keine schlüssige Antwort weiß, wenn man nicht konkret angeben kann, was anders – nämlich besser – gemacht werden muss beim nächsten Versuch, dann steht man den Feinden gegenüber sehr hilflos im Feuer.

Über eine der wichtigsten aktuellen Fragen unserer Bewegung, nämlich über die Frage: „Warum konnte die Konterrevolution in Europa siegen?“ bekamen wir durch Kurts Arbeiten endlich Licht ins Dunkel. Es wurde klar, wo die Fehler lagen, viel wichtiger noch: wo die Gefahren lauerten, wie man sie erkennt, und vor allem: wie gefährlich der Revisionismus ist. Kurt war für uns – bezogen auf die Entwicklung der Welt nach 1945 und die grundlegenden Erkenntnisse über den modernen Revisionismus – genauso wichtig wie Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Lenin für die Zeit vor, im und nach dem Ersten Weltkrieg, als es um die Auseinandersetzung mit dem klassischen Revisionismus ging.“ (Und was war es nun wirklich; Festschrift für Kurt Gossweiler anlässlich seines 90. Geburtstages, S. 42f.)

Die von uns ausgerichtete Feier zu Kurts 90. Geburtstag im Jahr 2007, aus deren Festschrift ich eben zitiert habe, war ein sehr schöner Moment. Der Saal war für die vielen Gäste fast zu klein. Und ich blättere noch heute gerne in der Festschrift.

Kurt hat es sich nicht nehmen lassen, bei allen drei bisher durchgeführten Durchgängen unseres marxistisch-leninistischen Fernstudiums als Referent aufzutreten.

In den letzten Jahren hat das hohe Alter seinen Tribut gefordert. Es wurde ruhiger um Kurt, er schrieb keine neuen Arbeiten mehr und er nahm auch am aktuellen politischen Geschehen nur noch sporadisch teil. Trotzdem war der Kontakt mit ihm noch immer inspirierend.

Und nun ist er von uns gegangen. Er hinterlässt eine Lücke, die nur schwer zu füllen ist.

Wir arbeiten daran, einen Sammelband aufzulegen, in dem wir alle in den verschiedenen Zeitschriften, vor allem der KAZ, der Schriftenreihe der KPD und der offen-siv verstreuten Arbeiten, Artikel und Briefe von Kurt zusammenfassen wollen. Wir hoffen, dass der Band Anfang/Mitte Juli erscheinen kann.

Und für die etwas fernere Zukunft gibt es von mehreren Genossen/innen, zu denen auch wir gehören, das Anliegen, eine Kurt-Gossweiler-Gesamtausgabe vorzubereiten. Wir wissen, dass das nicht ganz leicht werden wird, weil die Urheberrechte an Kurts Arbeiten in unterschiedlichen Händen liegen und weil ein solches Unterfangen nicht billig sein wird, aber wir wollen den Versuch wagen, denn eine solche Gesamtausgabe wäre nach unserer Auffassung die beste Versicherung gegen das Vergessen bzw. Verdrängen der bahnbrechenden Forschungsarbeiten, die Kurt der kommunistischen Bewegung zur Verfügung gestellt hat.

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