Bericht vom 6. Seminar des von KPD und offen-siv gemeinsam organisierten marxistisch-leninis-tischen Fernstudiums

Am dritten Juni-Wochenende, dem 24. und 25. Juni 2017, fand das sechste Seminar unseres gemeinsamen Fernstudiums statt. Nach der Wiederholung widmeten wir uns zunächst der Endredaktion der gemeinsamen Studienarbeit der Fernstudenten/innen, die inhaltlich gemeinsam beim vierten Seminar von den Teilnehmern/innen erarbeitet und dann von einem achtköpfigen Redaktionskollektiv vorbereitet worden war: „Was wäre wenn … wir morgen in Deutschland eine Planwirtschaft hätten?“ (48 Seiten, liegt dieser Ausgabe der offen-siv im Abo bei). Es gab dafür im Vorhinein so viele Bestellungen, dass wir eine Auflage von 1.000 Stück haben drucken lassen. An dieser Stelle herzlichen Dank an diejenigen, die uns für das Fernstudium mit Spenden geholfen haben – so konnten wir die Druckkosten vorfinanzieren.

Nach Abschluss der Arbeit an dieser Studienarbeit beschäftigten wir uns mit Lenin: Staat und Revolution. Da es auch bei diesem Thema u.a. um den Kampf gegen den Opportunismus ging, betrachteten wir danach die typischen Einfallstore des Revisionismus in unsere Theorie.

Wir stellten neun Bereiche fest, in denen immer wiederkehrend Angriffe auf den Marxismus-Leninismus zu verzeichnen sind:

Erstens: Reform statt Revolution, also Gerechtigkeit durch Umverteilungspolitik, Parlamentarismusillusionen, Illusionen in einzelne Führungskräfte.

Zweitens: Die Erosion der Leninschen Imperialismustheorie, also Leugnung der dem Imperialismus innewohnenden Kriegsgefahr, d.h. solche Theorien wie der „Ultra-imperialimus“, der „Kollektive Imperialismus“ usw., oder die Postulierung einer neuen Epoche der Entwicklung des Kapitalismus, die über den Imperialismus hinausweise.

Dritten: Die Erosion des Systembegriffs, also Thesen wie: die Banken sind schuld, die transnationalen Konzerne sind schuld, die „Gier“ ist schuld, die Manager sind schuld, der Neoliberalismus ist schuld usw., nur eins soll nicht geschehen: es soll nicht die Frage nach dem Gesamtsystem gestellt werden.

Viertens: Die Abkehr von der Arbeitswerttheorie, also Behauptungen wie „Kapital schafft Wert“, oder „an den Börsen können Werte realisiert werden, die nicht auf Arbeit beruhen“. Damit wird die Ausbeutung relativiert, denn der Ausbeuter würde nicht mehr als derjenige dastehen, der sich fremde Arbeit unentgeltlich aneignet.

Fünftens: Die Abkehr vom Materialismus, also die These, man müsse das Denken verändern, wieder „menschliche Werte“ einführen, sich an die 10 Gebote halten usw., als würden „menschliche Werte“ die Welt machen und nicht die Welt die „menschlichen Werte“ formen.

Sechstens: Die Abkehr vom Proletariat, also die Behauptung, es gäbe einen tiefgreifenden Strukturwandel, damit sei das Proletariat nicht mehr die fortschrittliche Klasse. Diese „Theorien“ gipfeln in der Postulierung des „Endes des Proletariats“.

Siebentens: Die Abkehr vom Klassenkampf, also die Rede vom „neuen Gesellschaftsvertrag“, der „Überwindung der Klassen durch Überwindung des Klassenkampfes“ und ähnlicher Unsinn.

Achtens: Die Verteufelung der Planwirtschaft als „administrative Kommandowirtschaft“, „erstarrte Bürokratie“, die Rede von der „Gängelung der Betriebe“ durch die Plankommission im Sozialismus usw.

Neuntens: Der Anti-Stalinismus, also die Verteufelung des Sozialismus als „Parteidiktatur“ bzw. persönliche „Diktatur“ Stalins, die Rede von einer notwendigen „Erneuerung des Marxismus“, der „Überwindung des Dogmatismus“ usw., dem folgt meist schnell die Abkehr von Lenin, vor allem von seiner Partei- und Revolutionstheorie sowie der Imperialismustheorie.

Am zweiten Tag des Seminars beschäftigten wir uns zunächst mit den strategischen Problemen der kommunistischen Partei und der kommunistischen Weltbewegung, also der Frage der Bündnispolitik, der Aktionseinheit, dem Kampf gegen die Sozialdemokratie und der antifaschistischen Einheitsfront, dem proletarischen Internationalismus und dem Revisionismusproblem, also der Notwendigkeit der Klarheit der Theorie bei gleichzeitigen politischen Kompromissen in der Praxis der Aktionseinheit, der Einheitsfront und in anderen Bündnissen.

Danach stand die Analyse der vom Kapitalismus notwendig erzeugten Bewusstseinsdeformationen auf dem Programm. Ich will hier nur einen sehr knappen Überblick geben, das Thema soll später in einem ausführlichen Artikel differenziert dargestellt werden.

Der Warenfetisch, der Geldfetisch und der Kapitalfetisch führen dazu, dass a) die Menschen sich nicht als Subjekt der gesellschaftlichen Entwicklung begreifen, sondern als den gesellschaftlichen Verhältnissen ausgelieferte Objekte, dass b) Eigennutz vor Gemeinnutz steht und dass c) die Entwicklung von Klassenbewusstsein extrem erschwert wird.

Der Lohnfetisch lässt die Illusion entstehen, die Arbeit werde bezahlt (und nicht die Arbeitskraft verkauft). Wer glaubt, seine Arbeit werde bezahlt, kann die Ausbeutung nicht begreifen und wird nur schwer Klassenbewusstsein entwickeln können.

Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit sind in ihren Ursachen schwer durchschaubar und verstärken das Gefühl, irgendwelchen „höheren Mächten“ ausgeliefert zu sein. Hier ist der Nährboden für Religiosität, Esoterik, neue Innerlichkeit und ähnliches.

Der „schöne Schein“ der Zirkulationssphäre erzeugt den falschen Schein, erstens: die Menschen seien qualitativ gleich, nur im Quantum der Kaufkraft gäbe es Unterschiede (also arm und reich und nicht Ausgebeutete und Ausbeuter), und zweitens: im Konsum läge das Glück. So werden die Menschen zu passiven Konsumenten statt zu aktiven Produzenten.

Die Erziehung in der bürgerlichen Gesellschaft, also Elternhaus, Schule Lehre usw., setzen die Abrichtung der Menschen als Objekte fort durch noch immer patriarchale Erziehung, verheerende Geschlechterrollen, Fremdbestimmung und Selektion.

Der bürgerliche Parlamentarismus erzeugt den falschen Schein, der Staat im Kapitalismus sei nicht der „ideelle Gesamtkapitalist“, also eine Agentur der Bourgeoisie, die deren Interessen vertritt und durchsetzt, sondern im Gegenteil, der Staat sei eine die Gesellschaft formende Kraft.

Und die Biologisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, also der Glaube, dass „der Mensch nun mal so ist“, „der Menschen immer mehr haben will als sein Nachbar hat“, die Überzeugung, „Kriege hat es schon immer gegeben“ usw. macht die bürgerliche Gesellschaft zu einem Zustand, der dem menschlichen Wesen entspricht. Deshalb gibt es wahrscheinlich auch so viele psychische Erkrankungen…

Diese ganze Arbeit haben wir uns gemacht, weil wir kommunistische Agitation und Propaganda nicht einfach „aus dem Bauch heraus“ machen wollen, sondern sie gezielt ableiten wollen aus den typischen, im Kapitalismus notwendig entstehenden Bewusstseinsdeformationen. Wir sind auf zehn Problemfelder und fünf wesentliche Kriterien gekommen:

Die zehn Problemfelder:

1.- Verlust der Eigeninitiative. Der Mensch nicht als Subjekt, sondern als Objekt. Der Mensch ist gewohnt, den Verhältnissen ausgeliefert zu sein, zu funktionieren und zu gehorchen.

2. Verlust der Rationalität, Abwesenheit der besten aller Fragen, nämlich der Frage: „Warum?“

3. Entstehen von Irrationalität, Mystizismus, Religion, Esoterik, – grundsätzlich: Abgabe der eigenen Verantwortlichkeit an irgendwelche höheren Wesen.

4. Weite Verbreitung von Kleingeistigkeit, Egoismus, Konkurrenz, Profilneurosen, usw.

5. Der Mensch nicht als Produzent, sondern als Konsument. Konsum als soziales Unterscheidungsmerkmal.

6. Verschleierung der Klassenwidersprüche, keine spontane Entwicklung eines realistischen Klassenbewusstseins.

7. Kein Systemgedanke bzgl. der Gesellschaft.

8. Geschlechtsspezifische und autoritäre Fixierungen, d.h. massenhaft schwere Persönlichkeitsdeformationen.

9. Zerstörung des Selbstbewusstseins (der Ichstärke) der Menschen.

10. Resultat all dessen: „Unser größter Feind ist die Dummheit der Massen“ (Ernst Thälmann). Das ist keine Beschimpfung, sondern die notwendige Folge des Kapitalismus.

Die fünf Kriterien:

1.- Klassenbewusstsein entwickeln. Für die Propaganda der zentrale Punkt!

2.- Den Systemcharakter des Kapitalismus/Imperialimus betonen. Die Durchschaubarkeit dieses Systems darstellen.

3. Die Staatsillusionen bekämpfen.

4. Vertrauen in die eigene Kraft entwickeln, weg kommen vom „Objektzustand“, hin zur Entwicklung des Menschen als Subjekt seiner Umgebung, also erfolgreiche Aktionen planen und durchführen. Selbstbewusstsein im Handeln entwickeln.

5. Solidarität als Kraft darstellen und erlebbar machen.

Am Ende des Seminars haben wir gemeinsam die für das letzte Seminar geplante Diskussion zum Thema „Was tun?“ vorgeplant und strukturiert. Dies siebente und letzte Seminar wird Ende August stattfinden. Ich bin sehr gespannt, denn es wurde deutlich, dass es ein großes Interesse daran gibt, den Zusammenhalt nicht zu verlieren und politisch konkret aktiv zu werden. Genaueres wird die Diskussion ergeben.

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